Cover me

April 25, 2012

Zur Zeit ist es schwer zu schreiben, weil nämlich überhaupt vieles -  also fast alles schwierig ist. Wie also komme ich dem Bedürfnis nach, ‘nach draussen’ zu schreiben, ohne mich aber selbst nach draussen zu begeben? Genau das führt mich am Ende zum Ende dieses Beitrags… Zu Anja Plaschg und ihrem Lied ‘Vater’.

Ich geh über die Covers. Es gibt nämlich drei, die mir spontan einfallen, wenn ich überlege, welche ich besonders gut (und das heisst bei mir: besser als die Originale) – finde.

Erstmal sind hier die Cowboy Junkies mit ihrer Version von Sweet Jane (im Original The Velvet Underground):

bei dem einem einfach so wohl um’ s Herz wird. In ihren Liedern vereinen sie Country und Blues Einflüsse – beides Musikrichtungen, mit denen ich sonst nicht viel am Hut habe. Ich hab ja noch nicht einmal einen Hut. Doch mit ihrer Art und ihren wundervollen Melodien kann ich mich ihrer Musik, die sie seit Jahrzehnten immer wieder anders und doch immer wieder unverwechselbar veröffentlichen, nicht entziehen. Da gibt es viele Beispiele.

Und dann – noch viel unglaublicher – das Cover von dem U2-Song “Love Is Blindness” von Cassandra Wilson :

So grossartig ruhig und diese schönen Menschen, die diese Ruhe während des Spielens sichtlich auskosten. Ich bin erstaunt, wie ich jedes Mal, wenn ich diese Version höre, trotz der Ruhe mein Herz beim Klopfen ertappe. Das ganze Album (‘Blue Moon Daughter’) ist so entspannt langsam, dass man die ganze Zeit des Hörens einfach nur wohlig einschlafen möchte. Nicht doch! Aufwachen! Zuhören!… und geniessen…

Ja und dann… dann ist da noch die Anja mit ihrem Cover von “Voyage, Voyage”. Ein Lied aus den 80ern, hey – DiscoDisco! Anja Plaschg – für mich eine grossartige Künstlerin, die es wirklich schafft sich und nur sich mit ihrer Wahrnehmung der gefühlten Welt auf Platte oder und erst recht auf die Bühne zu bringen. Was für eine Umsetzung: (von wem ist eigentlich das Video?!)

Bei ihrem Auftritt in München musste sie während des Liedes ‘Vater’ weinen und konnte nicht weitersingen. Sie hat nach dem Tod ihres Vaters ein Jahr gebraucht, um dieses eine Lied zu schreiben. Ich bewundere ihren Mut. Zurückhaltend wie sie sonst ist, lebt sie auf der Bühne ihre Emotionalität, die ich in unserer Zeit so oft vermisse und zu der sich viele nicht zu stehen trauen. Für mich ist sie ein Vorbild.

Zwei Monate später – ein anderes Konzert – stockt sie beim Singen, atmet in’s Mikrofon und sucht Kontakt zu ihren Musikern. Es sind nur ein paar Sekunden. Sie kann das Lied zu Ende singen. Danach geht sie von der Bühne und als sie wenige Minuten später zurückkommt ist sie noch ein wenig durcheinander, aber dann, nachdem sie sich selbst einen Vogel zeigt, geht’s weiter. Alles ganz normal – und authentisch. Wer das Seelenstriptease nennt… dessen Gemütsleben – egal, wie leicht es sein mag – möchte ich nicht haben.

Wasserfestes Alibi

Februar 15, 2012

Die Haut, in der ich wohne

Dezember 23, 2011

Worum es in diesem Film geht – das will ich hier nicht beschreiben. Meiner Meinung nach muss man den Film einfach sehen und zwar ohne vorher zu wissen, worum es geht. Einige Rezensionen versuchen darauf auch Rücksicht zu nehmen, widerstehen aber nicht der Versuchung, doch Wesentliches aus dem Inhalt vorwegzunehmen. Mir hat es zum Glück gereicht zu lesen, dass es ein Almodóvar ist – für mich Grund genug, um nachts im Regen zum Kino zu radeln und mich auf etwas Besonderes zu freuen.

Mit der äusserst abstrusen Handlung ist dieser Film nicht nur wieder ein weiteres Almodóvar-Meisterwerk. Mit dem ersten Ton ist der Filmkomponist Alberto Iglesias unverkennbar, der Bilder und Handlung von Amoldóvars Filmen so einzigartig in ihrer Wirkung verstärkt. In ‘Sprich mit ihr’ waren es vor allem die leisen, gefühlvollen Plingpling-Klaviertöne, in diesem Film nehme ich vor allem die orchestrale Dramatik und das Bedrohliche wahr. Gruselig soll dieser Film laut vieler Beschreibungen sein. Ich finde, dieser Begriff ist schlicht zu billig für das, was ich hier sehe und höre.

Auch das Sehen wird zum Erlebnis, die Bilder. Aus diesem Film könnte ich hunderte von Standbildern aussuchen, die durch ihre meisterhafte Licht- und Schattenwirkung, ihre Perspektiven und die Bildkomposition eine grossartige Fotoausstellung abgeben würden. Hintergrund und Gegenstände werden zum Bilderlebnis. José Luis Alcaine, dessen Kameraarbeit auch schon mehrfach Julio Médems Filme (‘Die Liebenden vom Polarkreis’, ‘Lucia und der Sex’) auf die Leinwand brachte, lässt mich in diesem Zusammenspiel von grossartigen Schauspielern, Musik und Bildern mit Gänsehaut im Kinostuhl versinken. Keine Gänsehaut des Grauens, sondern der Faszination. Und doch spielt sich die Kamera nicht störend in den Vordergrund, dass inmitten der almodóvarschen Opulenz nicht auch die kleinen Momente wahrgenommen werden. Die, in denen es still ist. In denen man in die Augen von Vera sieht, die bestätigen soll, dass sie keine Hitze spürt. Bis sie sich entnervt von der Flamme abwendet, als wäre sie eine lästiges Insekt auf der Haut, in der sie wohnt.

Quelle: metrotimes.com

Das letzte Hemd

Dezember 14, 2011

Wie ist es denn nun? Das letzte Hemd liegt da, frisch gewaschen und gebügelt. Als ob ich bügeln würde – sind Falten wirklich das, worauf es ankommt?

Nein, es kommt darauf an, ob ich selbst erfriere, wenn ich es her gebe. Wie weit kann ich gehen? Brauche ich das letzte Hemd, um nicht zu erfrieren, oder ersticke ich daran, wenn ich mich daran klammere in dem Bewusstsein, dass ein anderer es vielleicht noch dringender braucht, weil er schon klamm ist, die Haut vor Kälte blau anläuft, aufspringt und blutende Risse entstehen? Wird es ihn denn überhaupt retten können, oder ist es nicht viel zu dünn und vor allem – ist es das, was er wirklich braucht – nicht nur um diesen Tag zu überstehen?

Ich habe die Anweisung erhalten das Hemd zu behalten, weil ich Wärme brauche. Besonders gehorsam war ich noch nie. Aber es stimmt, mir ist kalt und ich hole mir jetzt warme Wolldecken.

‘Wir’ sind doch Sozialstaat, oder? Der gibt den Gelähmten Hilfe, aber nur denen, die bereit sind mitzulaufen.

O. hat mir Madness gezeigt. Die Ska-Gruppe vor vielen Jahren, weil er sie mochte – heute den anderen Wahnsinn, weil er ihn heute erfahren muss. Und er hat gesagt, dass es viele nicht kapieren. Wir brauchen nicht das letzte Hemd, wir brauchen Liebe. Wir alle. Und wir können sie geben, wenn wir das verstehen.

Wenn mir wieder wärmer wird, kann ich vielleicht wieder solche Texte schreiben:

Wenn die Postfrau zweimal klingelt

Erste zuletzt

Raupbau

Findelente

Schlitten, Schi, Schwein und Schwindel

Dumm wie Brötchen

… noch eine Decke, bitte!

Die Suche.. wonach?

November 24, 2011

Das ist also das, was ich von dem Qi Gong-Kurs mitgenommen habe. Gegeben hab ich meine Zeit und das teure Buch hab ich auch bezahlt – mit der Zeit, die ich gebraucht habe, um das Geld dafür zu verdienen. Für mich ist das nichts – auch, wenn ich es schön finde, dass manche Menschen Kraft schöpfen können daraus, dass sie sich mit Qi Gong beschäftigen und es praktizieren.

Ich schöpfe Kraft daraus, dass ich in der Mittagspause meinen Fotoapparat geholt und die Lampen in dem Seminarraum fotografiert habe. Die anderen Seminarteilnehmer waren ganz erstaunt, als sie gesehen haben, wie schön sie sind. Aus jedem Blickwinkel sehen sie anders aus. Anders schön.

Ich durfte trotzdem bis zum Ende bleiben.

Drei Frauen

November 19, 2011

Na endlich. Ich warte schon lange darauf, Soap&Skin live sehen zu können. Egal, wie das Konzert dann ist, nachdem ich ihre Musik so sehr mag – egal, dass sie vielleicht nicht wirklich singen “kann”, die Musik berührt mich sehr und ich möchte sehen, wie sie die live rüberbringt. Weiss sie, was sie für ein grosses Glück hat, sich ausdrücken zu dürfen und dafür – dafür, dass sie sich selbst lebt – Geld zu bekommen? Geld um sich Brot und ein Dach über’m Kopf zu kaufen und dazu noch die Zeit und Kraft behalten dürfen, um sich selbst zu sein. Im Februar kommt sie endlich mal nach München.

Im Dezember kommt Dillon, gerade mal 23. Minimalistischer Sound der es trotz Minimalismus schafft anders zu sein, als andere – allein schon der Stimme wegen.

Und wer kommt nicht? Niobe! Tatsächlich, es gibt deutsche Künstler und Künstlerinnen, obwohl es ja eigentlich gar keine gibt, die wirklich reizvoll anzuhören und -sehen wären! Wenn sie mal nach München kommt… ich würde gern in der ersten Reihe stehen.

Das Tibetische Buch

November 13, 2011

Ich stelle mir vor und nehme meine Träume mit. Und dann lebe ich meine Träume dort, wo ich ohne sie das Leben der Anderen führen müsste.

Warum soll ich mich denn “ablenken”, indem ich arbeiten gehe und weiterhin meine gesellschaftlich- wirtschaftliche Funktionsfähigkeit unter Beweis stelle? Die Gesellschaft ist ohnehin krank und das ist mir nicht erst klar, seit ich mich, wie viele, die mit dem Tod in Berührung kommen, noch mehr als sonst mit dem Leben beschäftige. Ich gehe weiter arbeiten, solange ich kann, aber nicht um mich abzulenken (ich “muss” ja schliesslich arbeiten). Ich WILL mich nicht ablenken und ich will nicht einfach wegschmeissen, was mir diese Zeit gibt.

Ich will meine Gedanken schweifen lassen und nutze jede freie Minute dazu. Ich will meine Trauer spüren und durchleben und ich empfinde diese Zeit als eine der wertvollsten meines Lebens. Sie ist traurig aber auch sehr bereichernd und oft fühle ich mich wie befreit von all den unnötigen Lasten, die wir uns selbst auferlegen, weil ich sehe, was wirklich wichtig ist.

Auf der Suche nach einem bestimmten Buch bin ich mal wieder in meiner Lieblingsbuchhandlung. Sie ist klein, gemütlich, im Hintergrund – und öfters auch davor – spielt Musik von nicht ganz so bekannten Künstlern. Die Verkäufer sind alle Buch- und Musikliebhaber, mit Herzblut dabei und lehnen auch mal den Kopf an die Schulter des anderen – ohne erschöpft, eher erfüllt zu sein. Draussen ist es novembergrau, kalt und feucht. Als ich mich so zwischen den Holzregalen rumschiebe wird auf einmal alles ganz hell, mir wird warm, ich könnte jetzt glatt meinen Cordmantel auf den Boden schmeissen und auf den knarzenden Dielen zu tanzen anfangen. Ich verstehe kein Spanisch (und bekomme zum hundertsiebenunddreiundneunzigsten Mal die Idee ENDLICH einen Sprachkurs zu machen), aber schon der Klang der Sprache, die Musik und das CD-Cover holen für mich die Sonne und die Wärme rein, die so gut tut. Warum sollen wir eigentlich dumpfe Trauermusik hören und weinen, wenn wir am Grab stehen? Ich weine lieber alleine, weil ich mich währenddessen nur mit mir selbst unterhalten will und keinen Austausch brauche. Ich halte das ganz gut aus, das Weinen. Ich hätte Lust zu dieser Musik mit den anderen um’s Grab zu tanzen und zu lachen und uns darüber zu freuen, was uns das Sterben über das Leben gelehrt hat.

Das Buch? Ich bin spirituellen Themen gegenüber äusserst kritisch und kann nichts damit anfangen, wenn ich die Verantwortung für meinen eigenen Verstand und mein Gefühl einer höheren Macht übergeben soll. Hier darf ich meine Verantwortung selbst tragen – ein Buch, das mich sehr beeindruckt, weil es mich frei darin lesen lässt und meine Gedanken nicht leitet, sondern ermutigt: “Das Tibetische Buch vom Leben und Sterben” von Sogyal Rinpoche.

Von weissen Pferden

November 7, 2011

… ablenken sollte man sich. Das tut gut. Und erwachsen mit seiner Trauer umgehen. Das ist richtig.

Ich bin froh, dass es weisse Pferde gibt und andere Arten zu trauern.

WHITE HORSE
Lyrics & music by Scott William Matthew

shepherd me from pain and the doubt
through the broken streets and the hearts
herd me home through hurt and the past
then leave me alone you have no choice
and now there is a white horse caged in my heart
and it’s going to kill me just to get out
now there is a white horse caged in my heart
and it’s trying to kill me just to get out
though we’re different creeds, wear different masks
If you only could conceive that there’s a chance
and hell is bent on showing me the dark
shepherd me to light, make it stop.

Oben und Unten

November 2, 2011

Ich hab alles versucht. Obwohl ich den ganzen Tag danach gesucht habe, ich hab es einfach nicht gefunden. Ich hänge meine Füsse in den Himmel und aus meinem Mund blubbern Blasen, weil mein Kopf unter Wasser ist. Am Bauch kitzeln mich Grashalme, die sich im Wind wiegen. Das fühlt sich alles gut an, es ist nur schwer nicht noch in’s Taumeln zu kommen. Macht nichts. Schräglage bringt Kopf, Bauch und Füsse mal hierhin mal dorthin. Alle haben was davon, vom Blubbern, vom Kitzeln und vom Hängen in der Luft. Das ist doch völlig in Ordnung. Ungewöhnliche und interessante Gedanken und Ideen entstehen. Und der Antrieb, ja der ist noch in der Werkstatt. Menschmenschmensch, was das den Mechaniker wieder kosten wird, wenn er so lange braucht. Wir haben nämlich Trödelrabatt vereinbart und ich werde am Ende noch Gewinn machen.

Warum soll ich immer wissen wo oben und wo unten ist? Und wozu die Eile?


Die Lieder in uns

September 20, 2011

Sovieles möchten wir teilen, sovieles, was uns viel bedeutet und von dem wir meinen es könnte jemand anderem auch etwas geben. Und oft ist es ja auch so, es bringt uns zusammen und gibt uns etwas Gemeinsames, auch wenn wir es mit unseren ganz eigenen Augen sehen.

Manches, was man so liebt und einem soviel gibt, kann man nicht mehr teilen, weil die Zeit und die Kraft nur noch das Wesentlichste zulässt. Weil einer gehen muss. Nicht das, was von aussen kommt, mag es auch noch so wertvoll sein. Nur noch das, was in uns ist, die Lieder und die Bilder, die geblieben sind und uns schon lange verbinden. Es ist gut, alles in Ruhe an sich vorbeiziehen zu lassen und ein Nest in sich zu bauen, in dem wir das, was geblieben ist warm einbetten. Es ist ganz leise geworden. Ich hoffe, ich kann die Ruhe noch eine Weile hören.


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